17. Juni 2026
von Dr. Janina Messerschmidt
Bürgerenergiegenossenschaften vorgestellt: Die Westhavelland eG
Interview mit Jens Aasmann
Gründungsmitglied und jetziger Vorstand der Westhavelland eG
Jens Aasmann ist Jurist und seit vielen Jahren Amtsdirektor im Amt Rhinow. Der Impuls zur Gründung der Genossenschaft entstand im Jahr 2012, als in den Kommunen erkannt wurde, dass Konzessionsverträge rund um Stromnetze ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial bergen – von dem vor Ort bislang kaum profitiert wurde. Da im ländlichen Raum eigene Stadtwerke und entsprechende Strukturen fehlen, suchte er gemeinsam mit engagierten Bürgermeistern und der Volksbank nach einer tragfähigen Lösung – und gründete die Westhavelland eG.

Kurzbeschreibung der Westhavelland eG
Projekte: Aktuell 7 PV-Dachanlagen
Region: Westhavelland
Regionale Wertschöpfung
Gemeinsam mehr erreichen
Wirkungsvolle Zusammenarbeit zwischen Kommune und Zivilgesellschaft
Du kannst selbst etwas bewegen: Engagiere dich in deiner lokalen Energiegenossenschaft – gemeinsam geht es voran. Es braucht Geduld, aber was wir schon erreicht haben, kann sich sehen lassen. Und es macht einfach Spaß.“
Entstehung und Motivation
Wie war die Stimmung bei der Gründung der Genossenschaft? Gab es Widerstände?
Die Idee wurde von Anfang an breit getragen – nennenswerte Widerstände oder Zweifel gab es kaum. In unserer Region ist das genossenschaftliche Prinzip vertraut, etwa durch Wohnungsgenossenschaften. Die eigentliche Herausforderung war daher nicht das „Ob“, sondern das „Wer macht es konkret?“ – hinter der Idee standen nahezu alle.
Wenn Du jemandem, der noch nie von einer Energiegenossenschaft gehört hat, in einem Satz erklären müssten, was diese tun – was würdest Du sagen?
Wir legen unser Geld zusammen und erzeugen gemeinsam erneuerbare Energie. Davon profitieren wir direkt und schaffen gemeinsam Werte.
Warum eine Genossenschaft – und nicht ein Verein, eine GmbH oder etwas anderes? Was hat Dich an dieser Rechtsform überzeugt?
Weil wir wirtschaftlich tätig sind, kam ein Verein nicht infrage. Gleichzeitig wollten wir eine Struktur, die offen ist und allen die Beteiligung mit überschaubarem Einsatz ermöglicht – das spricht gegen eine GmbH. Die Genossenschaft verbindet beides: wirtschaftliches Handeln und einfache, breite Teilhabe. Bei uns kann jede*r mit 100 € mitmachen!
Wenn Du zurückblickst: Was war die größte Herausforderung? Bürokratie, Finanzen, Menschen mobilisieren – was hat am meisten Kraft gekostet?
Die größte Herausforderung war das Energierecht. Ständige Änderungen im EEG haben Planung und Umsetzung immer wieder erschwert und viel Kraft gekostet. Wir mussten uns laufend neu orientieren und Entscheidungen unter unsicheren Rahmenbedingungen treffen. Entscheidend war, dass wir den richtigen Zeitpunkt erwischt haben – als es schwierig, aber machbar war. Große Unterstützung kam dabei vom Genossenschaftsverband und der Volksbank. Die Genossenschaftsszene ist ein starkes Netzwerk, das uns trägt und getragen hat.
Was die Genossenschaft macht
Was macht die Westhavelland eG ganz konkret? Könntest Du uns durch ein Projekt führen – von der Idee bis zur Umsetzung?
Ein gutes Beispiel ist die Anlage an der Kleinen Grundschule Hohennauen: Von der ersten Idee bis zur Umsetzung haben wir gemeinsam mit einem engagierten Solarteur, der Schule, der Kita und dem Schulträger, der Kommune, ein Projekt entwickelt, das wirklich zum Standort passt. Entscheidend waren eine saubere Wirtschaftlichkeitsrechnung, die Prüfung der Statik und eine konsequent auf Eigenverbrauch ausgelegte Planung — nicht möglichst groß, sondern möglichst sinnvoll. Am Ende entstand eine 25‑kWp-Anlage, die so knapp kalkuliert war, dass keine Dachpacht gezahlt werden konnte. Stattdessen wurde das Dach instand gesetzt, und die Schule konnte günstigeren Strom beziehen. Die Finanzierung war eng, deshalb haben wir vor Ort aktiv geworben und noch einmal 12.000 Euro eingesammelt, wodurch wir den Kreditbedarf senken konnten. Besonders schön: Eine Anzeigetafel im Foyer macht die Stromproduktion sichtbar — das Projekt bringt also nicht nur Energie, sondern auch Identifikation und lokalen Mehrwert. Das ganze Projekt hat rund 1,5 bis 2 Jahre gedauert, d.h. als Energiegenossenschaft muss man auch Geduld mitbringen.
Wer profitiert von Eurer Arbeit – und in welcher Form? Wer bekommt was zurück?
Von unserer Arbeit profitieren viele: lokale Solarteure bei Planung und Installation, Kommunen und Schulträger durch günstigeren Strom – und damit letztlich auch die Steuerzahler. Was nach Abzug aller Kosten verbleibt, fließt in die Genossenschaft zurück. Über dessen Verwendung entscheiden die Mitglieder in der jährlichen Generalversammlung: Sie investieren in neue Projekte oder schütten eine Dividende aus. Genau darum geht es bei einer Energiegenossenschaft: um eine demokratische Wirtschaftsweise und wirtschaftlich tragfähige Projekte mit echtem Mehrwert vor Ort. Auch Menschen, die keine Mitglieder sind, profitieren indirekt – etwa Schüler*innen, die erleben, wie die regionale Energiewende ganz konkret funktioniert.
Gibt es Projekte oder Ideen, die Ihr noch nicht umgesetzt habt, aber gerne würdet?
Ja, auf jeden Fall. Im Rahmen des Leader-Kooperationsprojekt „Kommunale Photovoltaik-Potenziale für den Ausbau der Bürgerenergie“ wurden in unserer Region u.a. kommunale Liegenschaft auf die Umsetzbarkeit von PV-Aufdachanlagen untersucht. Bei der Umsetzung würden wir gerne die Kommunen unterstützen – besonders dann, wenn ihnen selbst die Mittel fehlen, gute Projekte umzusetzen. Auch eine PV-Freiflächenanlage mit einer Kommune wäre spannend, allerdings fehlt dafür derzeit ein Netzverknüpfungspunkt. Das Netz ist schlicht voll. Außerdem wollen wir künftig noch stärker regionalen Strom anbieten. Dafür sind wir inzwischen bei den Bürgerwerken eingestiegen, um gemeinsam mit anderen Energiegenossenschaften unseren Strom zu vermarkten. Auch bei einem Bürgerwindrad wären wir gern dabei. Und für mich persönlich gilt: Wenn ich bald in Rente gehe, will ich mich noch intensiver um die Genossenschaft kümmern.
Warum mitmachen?
Was würdest Du jemandem sagen, der überlegt, Mitglied zu werden – warum lohnt es sich?
Eine Mitgliedschaft lohnt sich, weil man nicht nur zuschaut, sondern selbst wirksam wird: Statt sich nur über Strompreise oder Spritpreise zu ärgern, kann man konkret etwas bewegen – etwa indem man gemeinsam eine PV-Anlage auf den Weg bringt, die für uns alle Strom produziert. Dazu kommt: Man profitiert von Rendite, günstigem Strom und lokaler Wertschöpfung, aber eben auch von Gemeinschaft, Sinn und echter Teilhabe. Das Besondere an einer Genossenschaft ist: Hier geht es nicht um einen großen Investor, sondern um Menschen vor Ort, die gemeinsam Projekte tragen. Man braucht dafür weder Vorwissen noch viel Zeit – jede und jeder kann sich so einbringen, wie es gerade passt: bei Öffentlichkeitsarbeit, Social Media, Website-Pflege oder natürlich im Projektgeschäft selbst. Und wenn Kommunen mit im Boot sind, wird es oft erst richtig einfach, zum Beispiel bei Anlagen auf kommunalen Dächern. Der Reiz liegt genau darin: Alle machen das, was sie können, und am Ende entsteht etwas, das allen zugutekommt. Wir haben inzwischen rund 90 Mitglieder – nicht nur Institutionen, sondern auch viele Anwohner.
Wer sind Eure Mitglieder – wer kommt zu Euch? Gibt es überraschende Profile?
Unsere Mitglieder sind vor allem Menschen, die die Idee teilen: gemeinsam etwas bewegen. Die Altersstruktur ist eher älter; junge Mitglieder bis 20 sind bislang selten. Wir haben Rentnerinnen und Rentner, Familien und auch Anwohner aus der Region. Was sie verbindet, ist nicht primär das Geld, sondern der Wunsch nach Teilhabe und Gemeinschaft. Jugendliche können sich beispielsweise auch ohne finanzielle Beteiligung einbringen – etwa bei Öffentlichkeitsarbeit, Social Media oder anderen Aufgaben. Es zählt jede Hilfe, jeder Beitrag.
Was erleben Mitglieder in den ersten Wochen oder Monaten nach dem Beitritt – gibt es einen Moment, wo sie merken: Das war eine gute Entscheidung?
Nach dem Beitritt erleben Mitglieder vor allem, dass sie wirklich Teil eines gemeinsamen Projekts werden. Ein schöner Moment ist etwa die jährliche Generalversammlung: Hier können sie konkret mitbestimmen, sehen, was bewegt wurde, und merken – das war eine gute Entscheidung. Ein konkretes Erlebnis war zum Beispiel eine schöne Aktion im „Energiewald“, den wir angepflanzt haben. Leider war er nicht wirtschaftlich, aber es war ein gemeinsames Erlebnis. PV-Anlagen sind für viele zunächst eher mäßig interessant, aber wir wollen mehr Mitmach-Erlebnisse schaffen – etwa durch bessere Newsletter, stärkeren Sichtbarkeit der Projekte auf unserer Webseite. Der Kern bleibt: Mitglieder merken schnell, dass sie nicht nur Geld einsetzen, sondern aktiv etwas gestalten können. Wir haben keine festen Beratungsangebote oder offenen Informationsformate – aber die Idee ist da: Wir planen etwa Aktionen rund um Balkonanlagen oder gemeinsame Aktivitäten wie das Putzen einer PV-Anlage in Rathenow. Bisher nehmen wir vor allem an Veranstaltungen, wie der Tag der offenen Tür in den Schulen, auf denen wir PV-Anlagen betreiben, teil. Der Kontakt zu uns ist grundsätzlich niedrigschwellig: Wer Interesse hat, kann sich einfach melden.
Was würdest Du einer Bürgermeisterin oder einem Bürgermeister sagen, die/der überlegt, ob eine Partnerschaft mit eurer Genossenschaft sinnvoll ist?
Mitmachen! Für Kommunen ist es oft schwierig, selbst wirtschaftlich tätig zu werden – eine Beteiligung an einer GmbH ist kompliziert, bei einer Genossenschaft deutlich einfacher. Bis zu einer bestimmten Höhe kann die Kommune sich sogar beteiligen, ohne dass es als wirtschaftliche Tätigkeit gilt: Es ist keine Investition, sondern eine Ausleihung. Genossenschaften sind damit ein Filetstück für Kommunen, die wirtschaftlich handeln und lokale Wertschöpfung schaffen wollen. Man kommuniziert auf einer ganz anderen Augenhöhe – und das Schöne ist: Die engagierten Leute, die Kommunen sonst immer suchen müssen, sind in einer Genossenschaft schon da, sogar organisiert.
Die größere Bedeutung von Bürgerenergie
Welche Rolle spielen Bürgerenergiegenossenschaften Deiner Meinung nach für das Gelingen der Energiewende – was können sie, was große Energieversorger nicht können?
Bürgerenergiegenossenschaften haben einen anderen Blick: Sie denken die Energiewende vor Ort und setzen auf Lösungen, die für die Menschen hier wirklich passen. Betreiben wir etwa Windräder, wird jede Umdrehung spürbar – ein halber Cent auf dem Konto der Bürger*innen. Große Versorger sind auf ihre Unternehmensinteressen fokussiert– wir schaffen Werte: für uns, für die Region, für die nächste Generation. Genau das macht Bürgerenergie so wichtig für die Energiewende: Viele Menschen, die gemeinsam etwas bewegen. Und das funktioniert besonders gut, weil wir uns in der Genossenschaftsszene zusammenschließen – über den Tellerrand, in Deutschland bis hin zu Europa.
Was hat sich durch Eure Genossenschaft in der Region verändert – auch abseits der reinen Kilowattstunden?
Durch die Genossenschaft hat sich in den Kommunen vor allem das Miteinander verstärkt: Unser Geist der Zusammenarbeit ist gewachsen – das ist eine echte Bereicherung. Gleichzeitig schauen wir auch anders auf Wirtschaftsnachrichten, weil wir die Auswirkungen hinter den Zahlen besser verstehen und kennen. Es geht also nicht nur um Kilowattstunden, sondern um ein gestärktes Bewusstsein, mehr Zusammenhalt und eine andere Qualität der Diskussion vor Ort.
Was wünschst Du dir für die Zukunft – für Deine Genossenschaft und für die Bürgerenergiebewegung insgesamt?
Für die Zukunft wünsche ich mir: Das EEG wird so angepasst, dass Bürgerenergie priorisiert wird. Der Gesetzgeber erkennt, dass Bürgerenergie die effizienteste und nachhaltigste Form der Energiewende ist – und Projekte, die der Region helfen, bekommen Vorrang. Das EEG soll dann vereinfachen und Klarheit geben, statt zu komplizieren.
Weniger visionär, aber ebenso wichtig: Lasst uns einfach machen. Mit besseren Rahmenbedingungen gewinnen wir viele neue Mitstreiter – und können auch junge Menschen erreichen.
Wenn Du an jemanden denkst, der sich das Interview ansieht und vielleicht noch nie von eurer Genossenschaft gehört hat – was soll er oder sie auf jeden Fall mitnehmen?
Meine Kernbotschaft: Du kannst etwas tun – und du weißt, wo du dich engagieren kannst. Im besten Fall schaust du für deinen Wohnort, welche Energiegenossenschaft es gibt, und beteiligst dich.
Gibt es etwas, das Du uns noch sagen möchtest – etwas, das wir nicht gefragt haben, das aber wichtig wäre zu wissen?
Zusammen geht’s! Man braucht ein bisschen Geduld – aber man darf sich auch über das, was wir schon erreicht haben, richtig freuen. Und ja: Es macht einfach Spaß! 🙂
Danke für das Gespräch!
